Büro für Wohnbedürfnisse

Story

Erhalten statt ersetzen – über zeitgemäßes Sanieren im Bestand

Flexibles Wohnen
Am Anfang stand ein Erbe und die Frage: Was tun? Gegenstand der Überlegung: Ein Einfamilienhaus Baujahr 1966 in einem kleinen Dorf am Rand der Metropolregion Hamburg. Die neuen Besitzer mit Lebensmittelpunkt in der Elbmetropole suchten nach einer Lösung, die Perspektiven schafft, ohne die solide aber in die Jahre gekommene Immobilie abreißen und durch einen Neubau ersetzen zu müssen.

Mobil statt immobil
Grundlage des Sanierungskonzepts war die Erkenntnis, dass Immobilien immer nur für eine bestimmte Lebensphase passen. Sind sie optimal für eine klassische Familie geeignet, sind sie für Pärchen oder Singles meist zu groß. Sind sie stylisch ausgebaut, passen sie häufig nicht für Senioren oder Menschen mit Behinderung, die auf eine Wohnumgebung mit möglichst wenig Barrieren angewiesen sind. Von der Arbeit im Home-Office bis zur häuslichen Pflege − die Vielfalt zeitgemäßer Nutzungsarten scheint mit der klassischen Einfamilienhaus-Architektur kaum vereinbar. Die Architektin und Architekturvermittlerin Karen Munke, selber wegen einer chronischen Erkrankung auf einen Rollstuhl angewiesen, konnte diesen gordischen Knoten auflösen. Zwei lichtdurchflutete barrierearme Wohnungen mit jeweils großzügiger Raumaufteilung und flexiblen Nutzungsmöglichkeiten ersetzen die bisherige kleinteilige Struktur. Das Besondere: beide Wohnungen sind zusammenschaltbar. So ist das Gebäude auch weiterhin als Zuhause für Familien nutzbar.

Nachhaltig und energieeffizient
Bauherrn wie Architektin war dabei auch wichtig, den Umbau so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Dazu gehörte, die graue Energie des Altbaus, die ja bereits während der ersten Bauphase aufgewendet wurde, zu erhalten und die alte Gebäudehülle in das Konzept zu integrieren. Dabei sollten aber trotzdem ein zeitgemäßer energetischer Standard und eine hohe Wohnqualität geschaffen werden. Unter Einbeziehung einer Energieberatungsagentur konnten die Dämmmaßnahmen so optimiert werden, dass das Gebäude nun einem KfW 70 Haus entspricht. Gedämmt wurde mit 16 Zentimeter starken Holzweichfaserplatten. Statt der gewohnten Klinkerfassade sorgt jetzt eine Stülpschalung aus Lärchenholz für eine ansprechende Optik. Dadurch steckt nun ein Haus im Haus. Statt Dachüberstand und auskragendem Balkon unterstreicht ein innenliegendes Satteldach zusätzlich das äußere Erscheinungsbild.

Licht und Natur im Inneren
Um das anspruchsvolle flexible Raumprogramm zu realisieren, setzte die Architektin auf modulare Einschübe in Holzbauweise, die wie auch die energetische Sanierung von Wänden und Dach von einer regionalen Zimmerei realisiert wurden. Der Einschub auf der Südseite bietet einen Wintergarten für die Wohnung im Erdgeschoss, dessen Decke die großzügige Dachterrasse der Gaube im ersten Obergeschoss bildet. Auf der Nordseite markiert ein weiterer Holzquader den neuen markanten Eingangsbereich mit den Außentüren der beiden Wohnungen. Bevor man die geradläufige massive Holztreppe ins Obergeschoss betritt, passiert man eine optionale Verbindung zur Wohnung im Erdgeschoss. Das Treppenhaus besticht durch eine Raumhöhe von fünf Metern und bietet den Blick hinaus in den angrenzenden Eichenwald. Der von Holzwänden flankierte zentrale Wohn-/ Koch-/ Essbereich im Obergeschoss bietet dank großzügiger Fensterflächen Ausblicke in alle Himmelsrichtungen und gibt den Blick auf offene Dachsparren frei. Ein Sitzfenster erinnert an den ehemaligen West-Balkon. Im Erdgeschoss wurden zugunsten von mehr Transparenz und einer offenen Küche ebenfalls trennende Wände entfernt. Durch den gewachsenen Garten mit vielen alten Sträuchern und Büschen entsteht so in jeder der Wohnungen eine spannende Korrelation von innen und außen, geprägt durch die neuen Sichtachsen der eingeschobenen Module.

Wohnen mit weniger Barrieren
Durchgängige Bodenbelege, schwellenfreie Austritte, rollstuhlfreundliche Schiebetüren, stilvolle Geländer und ein SmartHome-System sorgen dafür, dass die Wohnqualität auch für Personen mit Bewegungseinschränkungen gegeben ist. Im Verlauf des Umbaus wurde  zudem die gesamte Haustechnik erneuert. Für eine ökologische Wärmeproduktion sorgt nun eine Luft-Wasser-Wärmepumpe unterstützt von einer noch intakten Ölheizung, die zukünftig nur noch einen kleinen Teil ihrer bisherigen Leistung zur Verfügung stellen muss, nach ersten Erfahrungen aber wohl gar nicht mehr benötigt wird. Dank einer PV-Anlage mit Batteriespeicher kommt ein wesentlicher Teil des benötigten Stroms aus eigener Herstellung.

Eine Sanierung als Modell
Die Bauherrn konnten für die Sanierung umfangreiche KfW-Zuschüsse nutzen. Das erlaubten die Programme für energieeffiziente Sanierung und den barrierefreien Umbau von jeweils zwei Wohnungen, abgewickelt über die lokale Bank die als Finanzierungspartner gewonnen werden konnte. Der Anteil an Eigenkapital blieb gering. Die Kredite für den Umbau werden über die Vermietung des Wohnraums refinanziert. So entstand ein Modellprojekt, das beispielhaft zeigt, wie sich der in die Jahre gekommene Wohnungsbestand in der Fläche flexibel, nachhaltig und klimaschonend auf eine neue Zukunft vorbereiten lässt.